Die Erforschung des antiken Sports

 

Nike krönt einen Athleten
Auf diesem hellenistischen Siegel krönt die Göttin Nike einen Athleten, den sie als Gewinner des Wettbewerbs erkoren hat.
(Bild: Foto von © Trustees of the British Museum unter CC BY-NC-SA 4.0 lizensiert)

Die Geschichte des Sports ist lange Zeit als marginale Spielerei belächelt worden, doch inzwischen bestreitet niemand mehr, dass Sport für die Geschichtswissenschaft ein zentraler Forschungsgegenstand ist. Die immense Bedeutung von sportlichem Wettkampf für die Gesellschaft wird jedermann im Alltag, besonders aber bei globalen Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeisterschaften vor Augen geführt: Kaum ein anderer Anlass vereinigt so viele Menschen in Stadien und vor den Bildschirmen, und nirgendwo sonst werden Spannungen und Ambivalenzen in Gesellschaften so unmittelbar sichtbar: Sport steht ebenso für Völkerverständigung wie für die Pflege von Feindbildern, ebenso für Gleichheitssemantik wie für Diskriminierung, ebenso für Verständigung auf geschriebene und ungeschriebene Regeln wie für nackten Pragmatismus.

 

Sport wurde und wird in allen menschlichen Gesellschaften betrieben, aber nirgendwo war die gesellschaftliche Bedeutung des Sports so groß wie im antiken Griechenland. Der Wert eines Mannes erwies sich in der griechischen Vorstellung gerade durch seine körperliche Leistungsfähigkeit, erfolgreiche Athleten wurden in ihrer Heimat gefeiert und genossen Ruhm in der ganzen griechischen Welt. Sport war ein beliebtes Sujet in der antiken Literatur und Bildkunst: Das größte erhaltene Corpus griechischer Lyrik klassischer Zeit sind die Siegeslieder Pindars für siegreiche Athleten, Darstellungen von Athleten bilden ein häufiges Motiv auf Vasen, und nach Pausanias' Beschreibung Griechenlands handelte es sich bei den Siegerstatuen in Olympia um die bedeutendste Statuensammlung der Antike. Angesichts dieser überragenden gesellschaftlichen Bedeutung ist der Sport gerade in der Alten Geschichte ein lohnenswerter Untersuchungsgegenstand.

 

Mannheim ist eines der führenden Zentren für die Erforschung des antiken Sports. Dabei gelten die Mannheimer Forschungen nicht einer Rekonstruktion von Bewegungsabläufen, sondern kultur- und sozialgeschichtlichen Fragen: Aus welchen Schichten stammten die Athleten? Wer durfte an sportlichen Wettkämpfen teilnehmen, wer war ausgeschlossen? War ein sozialer Aufstieg durch sportliche Erfolge möglich? Wie waren die Athleten organisiert? Führten sportliche Wettkämpfe, in denen sich die Teilnehmer als prinzipiell gleich anerkennen, zu einer Demokratisierung der Gesellschaft? Mit welchen als typisch männlich angesehenen Eigenschaften wurde Sport verknüpft, und welche Bedeutung hatten weibliche Athleten? Welchen Einfluss übten politische Autoritäten auf sportliche Wettkämpfe aus? Dies sind nur einige der Fragen, die in Mannheim in Forschung und Lehre behandelt werden.